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Organspende - eine jüdische Sichtweise

 Nach einem tragischen Unfall starb am 29. Dezember 2010 einer der größten Fußballhelden Israels. Nachdem er erst wenige Tage auf der Intensivstation verbracht hatte, stellte sich die schwierige Frage, ob seine Organe zur Transplantation freigegeben werden sollten. Die Medien berichteten, dass die Ärzte ihren Patienten für hirntot erklärt hatten und nun versuchten, seine Familie zu überreden, seine Organe zu spenden. Aber es seien fromme Menschen gekommen, die die Familie davon überzeugt hätten, diesen Schritt nicht zu tun und den Mann ruhig sterben zu lassen. Es kam zu einer heftigen öffentlichen Debatte über die Richtigkeit dieser Entscheidung oder ob das nur die extreme Meinung der ultraorthodoxen Rabbis sei. Die Frau des Fußballers erklärte allerdings Tage nach dem tragischen Tod ihres Mannes, dass die Familie die Entscheidung allein getroffen habe und nicht von den Rabbinern beeinflusst worden sei.

Allein die Tatsache, dieses Thema öffentlich zu erörtern, während die Familie noch Schiwa sitzt (die erste Trauerwoche), halte ich für grob und unsensibel den Gefühlen der Familie gegenüber. Denn selbst wenn sie ihre Entscheidung bereuen sollte, muss man ihr dies nicht unterstellen, während sie sich mit dem Verlust des liebsten Menschen auseinandersetzt.

Es handelt sich um ein heikles Thema, das wir hier betrachten wollen. Wie wir wissen ist die Aufrechterhaltung menschlichen Lebens die oberste Maxime im Judentum, wofür selbst die Schabbatgesetze gebrochen werden dürfen. Warum soll man dann nicht auch Organe spenden dürfen, die sicherlich vielen Menschen das Leben retten können? Handelt es sich hier um eine halachische Frage oder eine ideologische Frage?

Es ist bestimmt von großer Bedeutung, jemandem das Leben zu retten und das Spenden einer Niere ist nicht nur erlaubt, sondern sogar eine große Mitzwa. Im vergangenen Jahr gab es in Israel den Fall eines älteren Mannes, der dringend eine Spenderniere benötigte und dessen Söhne sich alle darum drängten, ihm ihre Niere zu spenden. Es ging soweit, dass schließlich das Los entscheiden musste, wer diese große Mitzwa tun durfte.

Aber die wirkliche Frage ist nicht so sehr, ob man Organe spenden darf oder nicht, sondern ob man einem Menschen lebenswichtige Organe entnehmen darf, solange er noch lebt. In der westlichen Welt wird die Feststellung des Hirntods mit dem Tod des Menschen gleichgesetzt und damit den Ärzten erlaubt, seine Organe zu entnehmen. Nach jüdischem Recht hingegen betrachten wir einen Menschen erst als tot, wenn sein Herz aufgehört hat zu schlagen. Obwohl die meisten hirntoten Patienten nicht mehr lange leben, weil das Herz ohne Hirnfunktion zu schlagen aufhört, ist halachisch gesehen der Zeitpunkt des Todes nicht der Hirntod. Dem Menschen auch nur die geringste Sterbehilfe zu geben, ist nicht erlaubt. Man darf sogar einen Toten eine gewisse Zeit nach Eintritt des Todes nicht berühren, um sicherzugehen, dass er wirklich tot ist.

Hier ist die Stelle, wo die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Standpunkten schwierig wird. Wir glauben ja, dass der Mensch nach seinem Tod in eine andere Welt übergeht und sein wirkliches Sein weitergeht. Es war noch niemand dort oben und konnte uns dann darüber berichten. Aber nur jemand, der wirklich glaubt, kann diesen Gedankengang nachvollziehen und verstehen. In den Medien werden immer wieder Beispiele dafür angeführt, Organspenden bei Gehirntod zu befürworten und es ist klar ersichtlich, dass wenn man nicht an die kommende Welt glaubt, alle konträren Begründungen keinen Sinn ergeben. Doch diejenigen, die glauben, wissen, was unsere Weisen in den Pirkej Awot, den Sprüchen der Väter, sagen: diese Welt ist wie ein Gang zum richtigen Palast, der in der kommenden Welt existiert. Dies wird aber ein nichtglaubender Mensch nicht verstehen, auch wenn er intellektuell über sehr große Fähigkeiten verfügt, denn man kann nur nach dieser Auffassung leben und nicht Verständnis suchen.

Es gibt also keine Erlaubnis zur Organentnahme, solange das Herz noch schlägt. Allerdings muss man immer den Einzelfall betrachten, denn nicht jeder Hirntod ist gleich und man darf nicht verallgemeinern, dass generell jede Organspende ausgeschlossen ist. Die Grundlage ist jedoch, dass man den Menschen erst anfassen darf, wenn er tot ist.

Wie kann man aber jemandem erklären, der nur im Hier und Jetzt lebt und sich keine Gedanken macht, was im Danach kommt, warum man einem Menschen nicht seine Organe entnehmen soll, für den es vom medizinischen Standpunkt gesehen keine Hoffnung mehr gibt? Er hat ja dann recht mit seiner Ansicht, weil es ja für ihn kein Leben nach dem Tod mehr gibt. Warum soll man dann nicht jemanden retten, der noch HIER ist?

Warum ist eigentlich jede Minute hier so wertvoll? Warum wollen Menschen, die nicht mehr gehen und vielleicht weder sehen noch genießen können, trotzdem weiterleben? Was bringt dem Menschen diese Zeit? Der Lebensdrang jedes Menschen kann nicht wissenschaftlich beschrieben werden. Philosophen sind über Jahrhunderte dieser Frage nachgegangen. Aber alle sind sich über eines einig: der Mensch verspürt diesen Lebensdrang. Wenn jemandem dieser Drang fehlt, wird er als psychisch krank angesehen. Wieso das so ist, wurde nie festgestellt, aber wir wollen hier nur die jüdische Betrachtungsweise darlegen.

Der Gaon von Vilna (18. Jahrhundert) wurde um die Zeit von Sukkot sehr krank. Man brachte ihn im Bett in die Sukka und er begann zu weinen. Seine Schüler fragten ihn: „Rabbi, warum weint Ihr?“ Da nahm er seine Tzitzit (Schaufäden) in die Hände und erwiderte: „Bald gehe ich in die nächste Welt, wo Tzitzit keine Bedeutung mehr haben, kein Verdienst mehr sind und keine Mitzwa.“

 

Unsere Mitzwot werden in vielen Zusammenhängen „Nahama de Kisuwa“ genannt. Das bedeutet „das Brot des Verschämens“, d.h. wenn jemand von Almosen lebt, ist alles, was er besitzt, ein Brot, das ihn verschämt. G“tt hat uns die Welt zur Verfügung gestellt, damit wir die wahren Verdienste der kommenden Welt hier verdienen und erlangen können. Wir haben die Gesetze, damit wir etwas für G“tt tun und dafür belohnt werden, weil wir es verdient haben. Sie sind also letztlich für uns selbst da und wir tun die Mitzwot für uns selbst. Der Vilna Gaon sagt, dass wir das nur tun können, solange wir auf dieser Welt sind. Selbst ein guter Gedanke und nur ein Hauch von Leben geben uns die Möglichkeit, dies zu tun. Auch behinderte Menschen verdienen sich ihren Anteil im Jenseits, indem sie nur den Gedanken haben, dass es Einen G“tt gibt auf der Welt. Wenn man aber tot ist, beginnt die Zeit der Rückzahlung und man kann nichts wieder gutmachen. Jede Sekunde auf dieser Welt hat somit eine andere Bedeutung und ist verbunden mit der Erkenntnis für diejenigen, die glauben, dass es eine Welt nach unserer hiesigen Welt gibt.

Abschließend wollen wir hier nicht einen Rat erteilen, was man tun muss, sondern wir wollten darlegen, dass dieses Thema von verschiedenen Menschen unterschiedlich gesehen wird und wie der rote Faden der jüdischen Perspektive verläuft.

 
 
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