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Jeden Tag Purim – Jede Nacht Kippurim

 

purim

 

Die Ba’alei Hakabbala entdeckten mystische Zusammenhänge und Parallelen zwischen Purim und Jom Kippur. Der Anfangsbuchstabe Kaf in Kippurim weist darauf hin, dass Jom Kippurim ein Tag ist „wie Purim”. Welch seltsame Assoziation! Der ehrfurchtgebietende Jom Kippur soll in irgendeiner Weise dem fröhlichen, ungestümen Purim ähneln? Sich vorzustellen, dass der feierlichste und ernsthafteste Tag des Jahres dem lautesten und leichtsinnigsten Tag ähnlich sein soll! In welcher Art und Weise gleicht Jom Kippur denn Purim? Was haben die Mystiker damit gemeint?

 

Rav Joseph Dov Soloveitchik, ein großer litvischer Rabbiner, der 1903 geboren wurde und bis zu seinem Tod im Jahr 1993 großen Einfluss auf das modern-orthodoxe Judentum genommen hat, führt zwei Ähnlichkeiten zwischen beiden Tagen an. Er meint, dass beide nur oberflächlich betrachtet sehr unterschiedlich sind. Er sagt: „Vielleicht haben Purim und Jom Kippur gemein, dass ein Aspekt von Purim der Appell an g“ttliches Mitleid und Fürsprache ist, eine Stimmung des Bittens, die aus großer Bedrängnis entsteht. Auch an Jom Kippur entsteht die Stimmung des Gebets aus einem Gefühl spiritueller Angst und aus dem verzweifelten Bedürfnis nach Aussöhnung mit G”tt.”

 

Aber diese große menschliche Abhängigkeit von G”tt, die synonym ist mit dem, was Purim ausmacht, und die verwoben ist mit dem Wesen von Jom Kippur, wird noch klarer ersichtlich in der zweiten Ähnlichkeit, auf die Rav Soloveitchik hinweist. Sowohl Purim als auch Jom Kippur haben damit zu tun, Lose zu werfen, was eigentlich typisch für Glücksspiel ist. Für Purim wurden Lose gezogen, um das Datum zu finden, an dem Haman das jüdische Volk vernichten wollte. An Jom Kippur wurden seit der Zeit des Auszugs aus Ägypten bis zur Zerstörung des zweiten Bet Hamikdasch zwei männliche Ziegen genommen, die sich in Aussehen, Größe und Wert absolut ähnelten und vor den Kohen Gadol, den Hohepriester, gebracht. Raschi (Parshat Acharei – Wajikra 16:8) erklärt, dass ein Ziegenbock zur Rechten und einer zur Linken des Kohen Gadol stand, der beide Hände in einen Behälter mit zwei Losen steckte und mit jeder Hand ein Los zog. Auf einem Los stand „für Haschem” und auf dem anderen „für Asasel”. Er legte die rechte Hand auf den Ziegenbock zu seiner Rechten und die linke Hand auf den Ziegenbock zu seiner Linken. Dem für Asasel bestimmten Ziegenbock wurde ein rotes Band umgebunden und er wurde zur Sühne des Volkes später über ein Kliff zu Tode gestürzt. Der für Haschem vorgesehene Bock wurde als Sündenopfer im Tempel dargebracht.

 

Was ist also die Ähnlichkeit zwischen Pur, dem Los von Purim, und dem Loseziehen an Jom Kippur? Beide weisen auf die menschliche Grundverfassung der Verletzlichkeit, der Ungewissheit und der Unbeständigkeit hin. Die gesamte Purimgeschichte ist voll von unvernünftigen, absurden, irrationalen Ereignissen. An einem Tag leben die Juden in Sicherheit in Persien, am nächsten Tag stehen sie vor dem Abgrund. An einem Tag droht Mordechai die Hinrichtung, am nächsten Tag ist er Premierminister. Hamans Verschwörung gegen die Juden kommt aus dem Nichts. Daher muss er Lose ziehen, als er sie töten will. Es gibt keinen vernünftigen Grund oder ein Ereignis, das zur Ausführung beiträgt. Rav Soloveitchik erklärt: „Purim ist daher der Inbegriff von Instabilität, Unsicherheit und Verletzlichkeit, die das menschliche Leben im Allgemeinen charakterisieren, aber besonders das Schicksal der Juden prägen … Es weist den Juden warnend hin auf plötzliche Kehrtwendungen des Glücks, auf lauernde Gefahren, auf die Unbeständigkeit des Lebens, sogar wenn das Los selbst nur dem bloßen Zufall unterworfen ist.“ Warum sündigt der Mensch? Warum werden aus zwei Brüdern, vielleicht Zwillingsbrüdern, oder zwei Jungen, die ähnlich aufgewachsen sind, so verschiedene Menschen – der eine ein Tzaddik, der andere ein Rascha, ein Bösewicht? Druck, Versuchung, Verlockungen berauschender Genüsse, Anziehungskraft politischer und gesellschaftlicher Ideologien, häuslicher Hintergrund, Mangel an moralischen Grundsätzen, sich änderndes Schicksal, schwierige Lebensumstände – dies und vieles andere sind Teil der menschlichen Verletzlichkeit, die G“tt anerkennt und die Er uns gleichzeitig verzeiht.

 

Ja, sie sind Zwillinge, aber die Unterschiede in ihrer Umgebung bestimmen ihre Persönlichkeiten. So viele zufällige Lebensumstände bestimmen die Richtung unseres Lebens. Ein großer Teil dessen, was aus uns wird, wird durch ein Los bestimmt, das uns in verschiedene Richtungen treibt. „Daher“, sagt der Rav, „kann der Mensch vor dem Himmlischen Gericht stehen und auf Mitleid und Vergebung hoffen. Trotz seines freien Willens und der Verantwortung für seine Taten bringt der Mensch sein Gesuch vor den Allmächtigen und macht geltend, dass nicht er diese weltlichen Vergnügen hervorgebracht hat, die für ihn zu überwältigend waren und denen er nicht widerstehen konnte.“ Die Versuchungen waren alle Teil des großen Loses.

 

Jom Kippur ist somit sehr wie Purim. Mit beiden geht das Pur – das Los – einher. Alle Unbekannten, das Irrationale des Lebens, das in jeder Faser der Purimgeschichte auf der die Gemeinschaft betreffenden Ebene dargestellt wird, wiederholt sich in der täglichen Routine im Leben des Einzelnen, sodass sich der Mensch genötigt sieht, G“tt um Mitleid und Vergebung an Jom Kippur zu bitten. In gewissem Sinne ist jeden Tag Purim: Tumult, Verwirrung, Unsicherheit, lauernde Gefahren und Versuchungen. Jede Nacht ist Jom Kippur: Bedauern, Sorge, Unsicherheit, Bedürfnis nach Verständnis, Empfindsamkeit, Mitgefühl und Vergebung.

 

Die augenfälligen Ähnlichkeiten zwischen Purim und Jom Kippur werden also von Rav Soloveitchik klar definiert. Was aber an der Aussage der Mystiker, Purim k’Purim – Purim ist ein Tag wie Jom Kippur – nicht klar zu sein scheint, ist folgendes: ist Purim nun Jom Kippur nur ähnlich oder sind Jom Kippur und Purim ein und dasselbe?

 

Der Vilna Gaon (1720-1797) lehrte, dass es zwei Ausnahmen zu der wohlbekannten Richtlinie gibt, dass jeder Jom Tow zur Hälfte G“tt und zur Hälfte unserem Wohlgefallen und Vergnügen gewidmet ist – Chatzi La'Schem V'chatzi Lachem. Diese Ausnahmen, sagt der Gaon, sind Jom Kippur, an dem man sich ausschließlich g“ttlichen und geistigen Dingen zuwendet, und Purim, an dem man sich in erster Linie physischem Behagen, wie Mischloach Manot und Matanot L'evjonim.hingibt. An allen anderen Feiertagen befolgen wir Mitzwot, dawenen, lesen die Tora und lernen, aber essen auch festliche Mahlzeiten, machen Kiddusch, tragen unsere beste Kleidung und genießen die Welt. Jom Kippur aber ist ganz Geist und Purim ist ganz Vergnügen. Was ist also mit der Regel von Chatzi La'Schem V'chatzi Lachem? Warum gilt sie nicht für Jom Kippur und Purim? Der Vilna Gaon erklärt, dass Purim k’Purim in Wirklichkeit zwei Hälften eines Tages sind und dieser einzigartige Tag aus einer Hälfte Purim und einer Hälfte Kippurim besteht, so dass wir doch das Prinzip von Chatzi La'Schem V'chatzi Lachem erhalten.

 

Der Gaon meint wohl, dass Purim die Umsetzung oder Verwirklichung von Jom Kippurim ist. Purim ist das Fleisch der Seele von Jom Kippur. Purim ist Gaschmiut (Körperlichkeit) und Jom Kippur ist Ruchniut (Spiritualität). Aber in dieser Welt müssen Gashmiut und Ruchniut miteinander verflochten sein und Eins werden. Es gibt Juden, die ein Jom Kippur-Dasein leben. Sie halten sich von weltlichen Dingen fern. Sie lernen, dawenen, fasten, beachten die Gebote, aber auch nicht viel mehr, um bloß nicht zu sündigen und noch öfter das Sündenbekenntnis Al Chet sagen zu müssen. Sie essen wenig, denn es könnte ja nicht ausreichend koscher sein. Sie trinken wenig, denn sie könnten ja berauscht werden. Sie genießen G“ttes Welt nur wenig. Sie könnte sie ja verlocken und überwältigen. Diese Ganzjahrs-Jom Kippur-Juden haben wenig Vertrauen in ihre Fähigkeit, in dieser physischen Welt zu überleben. Jede Nacht ist Kol Nidre-Nacht für sie. Sie gehen in ihrem Kittel schlafen.

 

Auf der anderen Seite des Spektrums sind die Ganzjahrs-Purim-Juden. Ihr Leben scheint ein ununterbrochener Witz zu sein. Sie essen, trinken und haben Spaß. Sie übertönen ständig die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Seele mit dem Lärm ihres selbstgefertigten Groggers. Sie weigern sich, ihre Masken abzunehmen, um nicht herauszufinden, was ihr Geist eigentlich will. Ganzjahrs-Purim-Juden können niemals unterscheiden zwischen „gelobt sei Mordechai“ und „verflucht sei Haman“. Ihr Lieblingslied ist „A gantz Johr Purim”. Sie singen mit höchster Lautstärke, lachen hysterisch und sind zu betrunken, um vernünftig zu denken.

 

Die Wahrheit ist allerdings, wie sich der Gaon ausdrückt, dass Purim k’Purim bedeutet, jeder Jude solle in jedes Purim einen Teil Kippurim einflechten und aus jedem Kippurim einen Teil Purim kreieren. Das Judentum erwartet von uns, G“tt mit Freude zu verehren – ivdu et Haschem b'simcha. Das Judentum nimmt einen gewissen Optimismus und Hoffnung selbst mitten an Jom Kippur vorweg. Das Judentum leitet die Begeisterung von Purim mit Abgeklärtheit von Ta’anit Esther, dem Fasttag vor Purim – in diesem Jahr am Donnerstag, den 17. März von Sonnenaufgang bis -untergang –, ein. Das Judentum lehrt uns, dass Jom Kippur schon am 9. Tishrei, also an Erew Jom Kippur, mit viel Essen und Trinken beginnt. Das Judentum erwartet von uns, dass wir gleich nach dem Ende von Jom Kippur beginnen, die Sukka zu bauen für den Feiertag von Simcha¬teinu, unserer Freude. Judentum strebt nach einem Ausgleich von Freude und Abgeklärtheit, zwischen physischem Genuss und spiritueller Ewigkeit. Denn wir verstehen die Zerbrechlichkeit aller physischen Beziehungen, weil es keinen Moment der Freude ohne eine Erinnerung an Trauer gibt, denn trotz persönlichen Glücks leben wir mitten in einer weltweiten Tragödie. Und da wir weiterhin über die Zerstörung des heiligen Bet Hamikdasch trauern, wird am Ende jeder Hochzeitszeremonie, im Augenblick des höchsten persönlichen Glücks, vom Bräutigam ein Glas zerbrochen, als absolutes Zeichen der Trauer. Während er unter der Chuppa steht und so viel Freude, Hoffnung und Liebe ersichtlich sind, ist der Kopf des Chatans mit Asche bedeckt, die Kummer, Zerstörung und Trauer symbolisiert.

 

Purim und Kippurim stehen unter einem Dach, eingebettet in und verflochten mit einem menschlichen Wesen, bestehend aus Lächeln und Tränen, Erinnerungen und Hoffnungen, Ängsten und Hochrufen, Körper und Seele, Smoking und Kittel. Schließlich ist der Tag der größten Freude, der Hochzeitstag, ein Mini-Jom Kippur für jedes Brautpaar. Sie fasten. Sie sagen Al Chet. Ihr persönliches Purim ist ein Jom Kippurim.

 

Der Kotzker Rebbe erzählte einmal seinen Chassidim von seinem Schwiegersohn Avrohom Bornsztain, dem Avnei Neser. „Wißt ihr, warum der Rav von Beila, dessen Vater, einen solchen Sohn verdient hat? Es war an einem Purim, an dem alle gelehrten und rechtschaffenen Juden so sehr mit der Purim Seuda beschäftigt waren, dass es auf der ganzen Welt niemanden auf der Welt gab, der Tora lernte, außer dem Rav von Beila. Dies wurde von G“tt belohnt, indem Er ihm einen Sohn schenkte, der die Welt durch sein Torawissen erhellt.“

 

Purim k’Purim bedeutet Kippurim – Konsequenzen an Purim zu erkennen und Purimgefühle an Kippurim zu empfinden.

 
 
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